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Wenn ein Moment alles verändert

  • Autorenbild: Dr. Sibylle Multhaupt
    Dr. Sibylle Multhaupt
  • 16. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt Momente, die das Leben in ein Davor und Danach teilen. Ein Anruf. Ein Arztgespräch. Ein Befund. Und plötzlich ist da eine neue Wirklichkeit, mit der niemand gerechnet hat.

Viele meiner Patientinnen und Patienten beschreiben die Diagnosemitteilung und die erste Zeit danach als unwirklich. Man funktioniert, organisiert, entscheidet – über Themen, mit denen man sich vorher nie beschäftigen musste. Und gleichzeitig ist da dieses Gefühl: Überforderung, Hilflosigkeit, manchmal eine tiefe Einsamkeit.

Man sieht andere Menschen weitergehen, während das eigene Leben stillzustehen scheint. Alles, was eben noch selbstverständlich war, rückt in weite Ferne. Selbst die eigenen Gedanken wirken fremd.

Dieses Gefühl ist keine Schwäche. Es ist eine ganz normale seelische Reaktion auf etwas, das zu groß ist, um sofort verstanden zu werden. Der Körper schaltet auf Überleben, der Geist versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen. In dieser Phase ist vieles widersprüchlich: Nähe tut gut – und ist zugleich zu viel. Man will reden – und findet keine Worte.


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Nach einer belastenden Diagnose geraten viele Menschen in einen inneren Zustand, der sich kaum in Worte fassen lässt. Es ist, als würde etwas Vertrautes wegbrechen, noch bevor man begreifen kann, was eigentlich passiert ist.

Angst, Unsicherheit und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, drängen sich nach vorn und überlagern alles andere. Gedanken werden sprunghaft, der Körper bleibt in Alarmbereitschaft, und selbst einfache Alltagsaufgaben fühlen sich plötzlich schwer an.

Gleichzeitig entstehen im Inneren Erfahrungen, die nach außen oft unsichtbar bleiben: Momente des Schweigens, in denen man nicht weiß, was man sagen soll. Eine tiefe Müdigkeit, die nicht vom Schlafmangel kommt, sondern von der emotionalen Last. Wut, die sich gegen das Unverfügbare richtet. Trauer, die sich ihren Weg sucht, manchmal still, manchmal heftig. Und dazwischen kleine Funken von Mut – leise, aber spürbar –, die zeigen, dass etwas in einem weiter nach Orientierung sucht.

All diese Reaktionen sind zutiefst menschlich. Sie zeigen nicht Schwäche, sondern den Versuch des inneren Systems, mit einer Situation klarzukommen, die größer ist als das Gewohnte. Zu verstehen, was dabei in einem vorgeht, kann ein erster Moment der Entlastung sein.

Es geht nicht darum, sofort Lösungen zu finden oder stark zu sein. Sondern darum, Schritt für Schritt wieder Boden unter den Füßen zu spüren – nicht weil die Ungewissheit verschwindet, sondern weil man lernt, sich inmitten dieser Ungewissheit selbst zu halten.


 Kleine Übung: Einen Moment Boden finden

  1. Setzen Sie sich so hin, dass beide Füße den Boden berühren.

  2. Spüren Sie den Kontakt zum Boden – ganz ohne etwas zu verändern.

  3. Atmen Sie ruhig ein … und langsam aus.

  4. Während Sie ausatmen, lassen Sie die Schultern etwas sinken.

  5. Sagen Sie sich innerlich:

„Ich bin hier. Ich darf überfordert sein. Ich bin trotzdem da.“

Diese Übung dauert weniger als eine Minute. Sie verändert nichts an der Situation –aber sie hilft, sich selbst nicht zu verlieren, während alles andere in Bewegung ist.

 

 
 
 

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